Heute habe ich wieder etwas aus der Reihe: Das passiert mit einer Gesellschaft, in der Persönlichkeitsentwicklung als Luxus angesehen wird.
Mir ist letzte Woche ein Buch in den Sinn gekommen mit dem Titel „Warum unsere Kinder Tyrannen werden!“ Ich hatte es noch nicht gelesen. Es kam mir in den Sinn, weil ich viel über Kinder, wie wir Kinder sehen und wie wir mit ihnen umgehen nachgedacht habe. Ich bin in vielen Facebook-Gruppen unterwegs und beobachte und es schüttelt mich doch regelmäßig. Es ist einfach noch viel zu tun.
In der Woche dachte ich darüber nach, ob ich in der Lage bin, ein Buch mit diesem Titel zu lesen. Kann ich das? Halte ich das aus? Ich wusste weder, wer das Buch geschrieben hatte, noch wann es geschrieben wurde. Aber der Titel dieses Buches hatte schon vor längerer Zeit in mir eine Emotion ausgelöst, die jetzt wieder getriggert wurde, und vielleicht war es Zeit, sich dem Thema zu stellen.
Während ich noch über das Thema und was ich für das Thema „Wie sehen wir Kinder“ tun kann, stolperte ich eher zufällig bei Youtube über die WDR Reportage „Vorwürfe gegen Kinderpsychiater“ – Das System Dr. Winterhoff“. Der Name des Mannes war mir nicht wirklich bekannt, bis mir bei Minuten 0:43 der Atem stehen blieb. Denn das war der Autor des Buches, welches in mir (obwohl ich noch nicht eine Zeile gelesen hatte) ganz bestimmte Gefühle ausgelöst hat. Auch sein Gesicht war mit durch unterschiedliche Auftritte bekannt.
Wenn du dich für die Reportage interessierst: Hier kannst du sie schauen: https://www.youtube.com/watch?v=qyZ9UMmPoBk&t=118s
Die Vorwürfe, die der WDR und die darin zu sehenden ehemaligen Patienten erheben, wiegen schwer. Der WDR geht der Bedeutung der Behandlungsmethoden für die Patienten auf den Grund. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft. Ich werde in diesem Blog nicht auf die Vorwürfe eingehen und dir auch nicht die Details aus der Reportage wiedergeben. Das braucht es für den Aspekt, den ich herausarbeiten möchte heute nicht und dennoch: Schaue sie dir später unbedingt an.
Zu der Bedeutung des Umgangs mit dem Fall und die echte Bedeutung kann ich dir diesen Blogartikel empfehlen: https://www.kinder-verstehen.de/mein-werk/blog/der-fall-winterhoff-ist-dr-winterhoff-unantastbar/
In meiner Arbeit geht es stets um toxische Strukturen. Also die Frage, wie es möglich ist, dass völlig „normale“ Menschen ihrem inneren komischen Gefühl nicht folgen. Ich möchte einmal an dieser stellvertretend für andere toxische Momente hier die Aussagen einer Erzieherin in den Vordergrund ziehen. Dabei ist es für meine Betrachtung egal, ob es sich um diesen Ermittlungsfall handelt oder um andere. Die Strukturen ähneln sich gerne.
Ab Minute 19:27 wird eine Erzieherin vorgestellt, die in verschiedenen Einrichtungen mit dem besagten Dr. Winterhoff zusammengearbeitet hat und immer noch in der Jugendhilfe tätig ist. Völlig selbstverständlich bestätigt sie die vorgeworfenen Abläufe der Behandlungsmethoden des Kinderpsychiaters. „Die Kinder laufen dann eben einfach so rum wie Roboter. Sie machen das, was man will und es ist einfach!“ Sie beschreibt ein Konzept welches angewendet werden sollte, damit Erwachsene sich gegen die Kinder durchsetzen können und sagt auch, dass sie glaubt, dass an diesem Konzept schon viele dran kaputt gegangen seien. „Das ist eine verlorene Kindheit. Es sind Jahre, die wir den klauen. Die sind ja so ein bisschen alle auf Null“ – So die Erzieherin. „Ich treffe auch heute noch Kinder, die ich damals begleitet habe und auch da hingebracht habe, die sich bitterlich beschweren. Die körperliche Probleme haben.“ – „Ihr kommt zu spät.“ – sagt sie dem WDR und nach einer kurzen Lachpause sagt sie dann: „Ihr kommt Jahre zu spät. Es sind schon zu viele Kinder betroffen!“
Ich musste an dieser Stelle die Reportage einen Moment lang pausieren. Ich habe sie mir dann zu Ende angeschaut und es gibt so viele schreckliche Verdachtsmomente, die ich hier herauspicken kann. Aber mir geht es immer um Selbstverantwortung und toxische Strukturen.
Zunächst: Das ein Kinderpsychiater sich wie in der Reportage vorgeworfenen Art und Weise verhalten kann, geht mir ins Mark und Herz und lässt mich ein Stück schwerer atmen. Dennoch bin ich immer wieder verwundert, wie wir als Gesellschaft mit bestimmten Normalverteilungen umgehen. Wir wissen so viel über toxische Strukturen, über die Verteilung von Straftaten in einer Gesellschaft und das Verhalten von Kriminellen. Warum sind wir nicht in der Lage, dies zu erkennen, wenn es in unserer direkten Umgebung stattfindet? Und wenn wir es erkennen, warum können wir hier nicht klar mit Grenzen antworten?
Neben dem Moment, das niemand damit rechnet, dass so etwas passieren kann, spielt mit Sicherheit in diesem Fall auch die mediale Präsenz des Kinderpsychiaters eine Rolle. Darauf gehe ich später noch kurz ein.
Generell: Toxische Strukturen, und das sind immer solche, die bewusst oder unbewusst enorme Schäden anrichten können immer nur dann wirken und sich durchsetzen, wenn ihnen keine Grenze aufgezeigt wird. Die Betroffenen und/oder Patienten wären selber nicht in der Kompetenzlage, sich hier entsprechend wehren zu können.
In der Reportage des WDR wurde berichtet, dass Kinder bis zu 10 Jahre lang starke Medikamente bekamen, die einer Sedierung schon gleichkämen. Verabreicht von den Erziehern und Erzieherinnen in den Einrichtungen, wo sie eigentlich in Sicherheit sein sollten. Nach der Reportage habe ich zweimal auf das Datum des Uploads schauen müssen, weil ich mir nicht vorstellen wollte, dass diese Vorwürfe aus dieser meiner Zeit stammen. Ich hatte gehofft, sie wären aus einer anderen Zeit. Sind sie aber nicht. Sie sind Teil dessen, was Kinder und Menschen in den letzten Jahren erlebt haben. Die Erzieherin zeigt es in ihren Aussagen so klar und deutlich: Man wusste, was da vor sich ging. Man wunderte sich, aber machte mit. Und am Ende sagt sie dem WDR: „Ihr seid zu spät!“ Aber was wäre gewesen, wenn sie den WDR bereits vor vielen Jahren darüber informiert hätte? Wenn sie der Sache auf den Grund gegangen wäre und wenn sie sich an ihre eigene Ausbildung und ihr Gefühl erinnert hätte. Was wäre, wenn sie das „Rumlaufen wie Roboter“ der Kinder hätte richtig einordnen können und wäre dem nachgegangen? Ob die Vorwürfe die im Raum stehen nun stimmen oder nicht, so hat sie selbst doch das Gefühl sich dazu äußern zu müssen, wenn auch verdeckt. Warum ist es ihr erst jetzt möglich darüber zu sprechen und warum ist es vielen anderen nicht möglich darüber zu berichten?
In dem von mir verlinkten Blogbeitrag kannst du nachlesen, dass die, die sich geäußert haben, unter Druck gesetzt wurden. Vielleicht hätte sie ihren Job verloren, wird vielleicht einer deiner Gedanken sein. Ob es in ihrer direkten Mitverantwortung steht, kann ich nicht beantworten, jedoch sicherlich nicht in der Verantwortung des WDR´s. Aber das kann sie nicht sehen und erkennen. Für sie ist das lachende Hochziehen ihrer Schultern und bestätigen, dass es bereits zu viele Kinder gäbe, die betroffen wären, die einzige Möglichkeit, sich hier entsprechend zu verhalten.
Die Frage, ob die Arbeit des Kinderpsychiaters ihre Alltagsarbeit auch einfacher gemacht hat und es dadurch auch gemütlich war, kann und will ich nicht beantworten, auch wenn es ein Gedanken wert sein könnte.
Medial war der Herr ein gern gesehener Gast in Fernsehshows. Ein Mann, der überzeugt davon ist, dass Kinderwillen gebrochen werden müssen, der schwarzen Pädagogik also durchaus jede Tür öffnen will, ist gern gesehener Experte? Unabhängig davon, was jetzt noch Stück für Stück ans Tageslicht zu kommen scheint, ist allein das schon eine seltsame Entwicklung und zeigt das Menschenbild, welches immer noch okay für uns zu sein scheint: Der Mensch ist böse und muss das tun, was wir ihm sagen. Nichts anderes beschreibt sich hier. Seine Bücher wurden 100.000-Fach verkauft. Jedoch ist nicht immer das auch gut, was dem direkten Impuls entspricht. Toxische Strukturen leben von einer schnellen Entlastung. Wenn also ein Gedankenangebot dazu führt, dass Eltern sich ihrer Verantwortung entziehen können und es sich durch das Brechen eines Kinderwillens einfacher machen können, ist das ein erster Impuls, aber mit Sicherheit kein menschlicher Erfolg.
Die Realität und das, was wir mittlerweile über die Entwicklung und freie Entfaltung von Potenzialen bei Kindern und Erwachsenen wissen, gehen mit dieser Logik nicht wirklich einher. Aber es reicht aus, gute Kontakte zu haben und diese medial zu nutzen. Während ehemalige Patientinnen und Patienten bei seinen Fachkollegen die Erlebnisse mit ihm aufarbeiten, sitzt er in der nächsten Talkshow.
Generell: Toxischen Strukturen sind extrem tief in uns angelegt. Wir folgen gerne dem, der bereits Erfolg und ein Gesicht hat. Wir haben gelernt in der schwere des Alltags uns schnelle und einfache Entlastungen zu schenken. Etwas Bekanntes kann selten etwas Böses sein. Grundsätzlich haben toxische Strukturen so in allen Bereichen immer die Möglichkeiten, sich auszubreiten.
Was wäre, wenn wir in den letzten 20 Jahren in der Schulbildung den Bereich der Persönlichkeitsentwicklung mit gelehrt hätten. Wenn wir dieses innere „komische Gefühl“ (das Gefühl, was jeden Missbrauch in welcher Form auch immer begleitet), das Bauchgefühl und auch der Umgang mit „toxischen Strukturen“ gelehrt hätten? Wenn wir Menschen dazu ermutigen, Stellung zu beziehen und sie nicht den beobachtenden einfachen Weg aussuchen, wie es die Erzieherin und 100 weitere gemacht haben. Denn hier handelt es sich um ein gänzliches Netz von Menschen, die im Obrigkeitsglauben ihr eigenes komisches Gefühl abgeschaltet haben müssen, wenn sich die Vorwürfe bestätigen sollten. Die, die das nicht getan haben, wurden unter Druck gesetzt.
Es bleibt die rechtliche Einschätzung dieser Vorwürfe abzuwarten.
Grundsätzlich zeigen sich toxische Strukturen immer und sie umgeben dich und mich und jeden anderen. Die Frage ist nur, schauen wir zu oder ziehen wir, wie die Erzieherin die Schultern nach oben und sagen: „Ja, aber das weiß man doch, dass das da so ist!“ Und genau das tust du wahrscheinlich unbewusst aber täglich. Glaubst du mir nicht?
Okay, dann lass uns mal schauen: Wie denkst du über die Maskenskandale der CDU. Ist doch fast schon normal, dass „die da oben“ so was machen. Oder schauen wir weiter in die CumEx-Affäre von Scholz. Alles anscheinend hinnehmbar. Denn ein Skandal hat es nicht wirklich ausgelöst.
Wie viel der Verantwortungs- und Mutlosigkeit steckt also in jedem von uns drin? Und wie viel davon ist dir und mir bewusst? Wo beobachtest du Dinge, die dir nicht ganz rund vorkommen und wo fragst du wirklich nach? Wo fragst du solange nach, bis du es fühlen und verstehen kannst. Wir stoppen meistens dort, wo wir es logisch erklärt bekommen. Fühlen tut dein System sehr wohl, wenn etwas nicht stimmt. Aber wie wir geprägt sind, glauben wir schnell, dass wir uns vielleicht vertun. Wir dem Gegenüber ne zweite Chance geben müssen oder wir es vielleicht nicht richtig sehen. Schließlich ist der andere der Experte und nicht wir. Vielleicht haben wir auch selbst schuld, oder? Diese Auswirkung deiner Prägung macht dich zum Zuschauer der toxischen Strukturen. Dieser Fall wird nicht der Einzige sein. Es werden viele weitere hochploppen. Irgendwann ploppt alles hoch. Wichtig ist, dass du dich heute fragst: Was ist für mich komisch und was habe ich noch nicht verstanden.
Vergiss bitte nicht, dass wir noch ordentlich geprägt sind von einer Zeit, in der geschwiegen wurde bzw. geschwiegen werden musst und auch wenn du als Kind gemerkt hast, es ist etwas komisch, wurde es dir gerne anders erzählt und du wurdest beruhigt. Umso wichtiger ist es zu lernen, auf den ersten Impuls zu hören, auf das Gefühl zu vertrauen und Wege zu finden, dass toxische Strukturen sich nicht breitmachen. Es wird sie immer geben und wenn du das verstehst, dann kannst du ihnen selbstbewusst begegnen. Denn toxische Strukturen meinen nie dich selbst, sondern immer sich selber. Sie meinen nur dich, wenn du nicht in der Lage bist, dich zu wehren. Vielleicht wird dir so klarer, warum ich es so wichtig finde, dass Menschen eine toxische Normalität nicht akzeptieren und die Verantwortung bei anderen sehen, sondern ihre Stellung nutzen, um denen zu helfen, die es selbst nicht können.
Wird es immer Menschen, die anderen Schaden zufügen wollen? Ja, das wird es. Muss es dazu kommen, dass diese Menschen über Jahrzehnte anderen schaden können? Nein, diese Verantwortung liegt bei uns selbst als Gemeinschaft. Also kommt dir jetzt beim Lesen meines Blogs ein Thema in den Kopf, mit dem du dich nicht wohlfühlst, dann suche dir jemanden, mit dem du über das Thema sprechen kannst. Kann dich so etwas deinen Job kosten? Ja, vielleicht. Du kannst einen Neuen finden. Kannst du mehr tun, wenn du in solchen Strukturen bleibst und arbeitest? Ja, vielleicht, aber nur dann, wenn du die Verantwortung nicht ablehnst und sie annimmst und handelst. Hole dir Hilfe und sprich mit anderen Menschen.
Zum Schluss: Toxische Strukturen müssen sich nicht ausbreiten. Sie arbeiten nur so lange, bis sie entdeckt werden und der Druck zu groß wird. Sie leben davon, Menschen voneinander zu isolieren und ihnen glauben zu lassen, dass nur sie das so sehen. Das schreibt ganze „Erfolgsgeschichten“. Das wird sich erst dann ändern, wenn jeder von uns versteht, dass er nicht alleine mit dem „komischen Gefühl“ ist. Aber erst dann. Also arbeiten wir dran, Menschen zu stärken, uns zu stärken und allen zu helfen, die unsere Möglichkeiten brauchen. Packen wir es an.
Wenn du noch mehr über das grundsätzliche Thema „Toxische Strukturen“ und deine Möglichkeiten, wie du damit umgehen kannst, erfahren möchtest: Vielleicht ist mein neues Buch „Das toxische ICH in dir braucht Liebe“ etwas für dich. Hier kannst du es bestellen.
Was ich jetzt mache? Ich werde mich weiter darum kümmern, dass jedem klar wird, was toxische Strukturen sind und was wir als Gemeinschaft dafür und dagegen tun können. #gemeinsamistdasneueEgo