Wenn Verzweiflung zur einzigen Handlungsalternative wird…

Heute möchte ich gerne über die erlernte Abwärtsspirale von empathischen Menschen mit dir nachdenken. Insbesondere Empathen springen mit einem offenen Herzen in die Welt und versuchen ihr Glück immer wieder.

Das geht in den 20ern noch gut, aber spätestens in den 30ern kommen der Frust und auch die innere Verzweiflung hoch. Denn obwohl du sehr viel gegeben hast, stehst du immer wieder am Anfang deiner Existenz und musst irgendwie von vorne beginnen. Ein inneres Ankommen scheint für dich nicht dran zu sein. In dieser Phase gibt es dann auch eine Zeit des Neides auf das, was andere schon erreicht haben und du nicht. Wobei das Gefühl des Neides bei Empathen kein hasserfülltes Gefühl ist, sondern sich zu ihnen selbst und ihrer gefühlten Unfähigkeit zurückspiegelt. Es ist eher das Gefühl, dass du zu spät mit den richtigen Dingen begonnen hast oder vielleicht einfach traurig bist, dass du erst mal so viel alten Müll loslassen musstest, den andere gar nicht kennen. Und auch der Frust ist kein Frust, der dich zu einer „frustrierten Ollen macht“. Es ist eher dieses Gefühl des festklebenden Potenzials, gepaart mit einer nicht ganz zu identifizierenden Traurigkeit. Es gibt Phasen, da kommen dir Gedanken wie:

  • Nur linke und hinterhältige Menschen kommen weiter.
  • Ich mache es mir durch mein Sein immer selber schwer, warum kann ich es nicht einfach so machen wie die anderen.
  • Ich kann nicht so tun, als ob alles in Ordnung ist, wie machen das andere? Man muss doch sehen, dass hier was nicht richtig läuft.
  • Es ist unfair, dass andere das bekommen, wofür ich viel besser qualifiziert bin, / andere mehr Erfolg haben.

Vielleicht formulierst du es nicht genau so und dennoch werden ähnliche Gedanken in dir hochgekommen sein. Vielleicht auch Aussagen wie: „Vielleicht sind die Leute einfach zu dumm, um es zu verstehen.“ Grundsätzlich, um dich an dieser Stelle einmal zu entlasten: Das ist normal und du bist nicht alleine mit solchen Gedanken.

Bevor wir in die 6 Abwärtsstufen der Empathen gehen, möchte ich dir kurz noch etwas zu erlernter Verzweiflung erzählen. Die Erziehung der Vergangenheit (und teilweise auch heute noch), in der die erlernte Verzweiflung entsteht, war davon geprägt, dich als Kind dazu zu bringen, das zu tun, was man von dir gefordert hat. Es ging nicht um gemeinsame Entscheidungen oder Kompromisse, sondern darum, dass du funktionierst. Der Druck um dich herum wurde künstlich so hochgefahren, dass du reagieren musstest. Nehmen wir dafür ein einfaches Beispiel. Du bist 7-8 Jahre und möchtest gerne mit deinen Freunden nach der Schule spielen. Leider musst du erst dein Zimmer aufräumen.

Dir wird klar, dass du es dann nicht mehr pünktlich zur Verabredung schaffst und es steigt Panik in dir auf, denn du willst dort unbedingt hin. Du bettelst deine Eltern an, dass du nachher aufräumen darfst und versprichst – hoch und heilig – dass du es dann auch machst. Die Antwort ist klar: „In einem solchen Saustall kann man nicht leben. Du räumst erst auf und dann kannst du, wenn noch Zeit da ist, noch raus. Wenn du dich beeilst, schaffst du es vielleicht noch!“ Du wehrst dich. Du weißt genau, dass eine deiner Freundinnen heute nicht so lange kann und du wirst sie verpassen, wenn du nicht pünktlich gehen kannst. Das Gespräch geht weiter: „Selbst schuld, hättest du gestern mal aufgeräumt!“ Irgendwann wandelt sich das Gespräch in ein Streitgespräch und deine Eltern schreien dich an: „Wenn du jetzt nicht dein Zimmer aufräumst, dann brauchst du die nächsten zwei Wochen dich mit niemanden mehr verabreden!“

Durch den Streit bist du innerlich so aufgelöst, dass du kaum aus deinem Schluchzen rauskommst. Dein Vater baut eine Drohgebärde auf, die dich dazu bringt, in dein Zimmer zu gehen. „Du brauchst auch heute nicht mehr aus deinem Zimmer rauskommen. Höre erst mal auf zu heulen, so kann man dich eh nicht verstehen!

In deinem Zimmer sitzend brauchst du lange, bis du anfangen kannst aufzuräumen. In dir kommt diese heulende Müdigkeit hoch und du musst die ganze Zeit schluchzen, denn du wolltest doch nur zu deinen Freunden und jetzt darfst du da gar nicht hin. Irgendwann wirst du zum Abendbrot gerufen. „Na, haste deinen Saustall jetzt aufgeräumt? Hast du dich wieder beruhigt? Selbst schuld. Hättest du dich einfach beeilt und nicht so einen Hallas gemacht, hättest du noch gehen können.“

Aus solchen und anderen Situationen kann die erlernte Verzweiflung entstehen. Dir ist etwas wichtig und du hast keine Möglichkeit, wirksam zu sein. Allein durch den entstehenden Druck und deine kindliche Art, darauf zu reagieren, erhöhten deine Eltern zusätzlich den Druck auf dich, sodass ab einem gewissen Moment egal wird, was dir wichtig ist. Du vergreifst dich aus Verzweiflung im Ton. Dieser Übungsprozess der Kommunikation der Kinder hat in solchen Situationen dazu geführt, dass es nicht mehr um die eigentliche Lösung des definierten Problems ging, sondern du eine Rechnung tragen musstest, die du gar nicht aufgemacht hast. Du konntest in diesen Situationen also noch lernen, wie du das, was dir wichtig ist, auch durchsetzt. Der entwicklungsbedingte und völlig natürliche Übungsmoment wurde von deinen Eltern als Angriff auf ihre Erziehung gesehen und der Druck wurde so hochgefahren, dass du hier keine Möglichkeit hattest zu lernen, wie es ist, selbstwirksam zu sein.

Dies ist nur eines von vielen Beispielen, damit du eine Idee bekommst, worum es bei der erlernten Verzweiflung geht. Heute läuft dieses Programm unbewusst in dir als Empath weiter ab. Du kannst jeder Erwartung gerecht werden. Sobald dir jedoch etwas wichtig ist, wird es schwierig. Zum einen entwickelst du das Gefühl, dass es anderen nicht wichtig ist, was dir wichtig ist. Zum anderen wirst du immer dann verzweifelt, wenn etwas was dir wichtig ist, nicht direkt eintritt und dir fehlt die Möglichkeit den Eintritt der Situation zu beeinflussen.

Durch dieses im Hintergrund ablaufende Programm passiert jedoch noch mehr mit dir. Du suchst dir in deinem Leben unbewusst die Menschen aus, die dir das auch bestätigen. Das erlernte Hintergrundprogramm wird damit zur Realität. Das kann der Partner sein, der nicht verstehen will, worum es dir geht. Das können Kunden sein, die lieber bei anderen buchen (die weniger können) als bei dir. Es bauen sich also immer wieder unbewusst Strukturen auf, die du auf der einen Seite kennst und damit als vertraut identifizierst und die dir auf der anderen Seite helfen, nicht wirksam zu werden. Diese fehlende Selbstwirksamkeit bringt dich immer wieder in die innere Verzweiflung. Und eigentlich sitzt dort das kleine Mädchen,/der kleine Junge, der schluchzend das Zimmer aufräumen muss in dem Wissen, dass er/sie nicht zu den Freunden darf. Hättest du gelernt, wie du deine Anliegen auch durchsetzen kannst, im kindlichen Rahmen, würdest du heute an dieser Deckelung nicht mehr festkleben. Dieses Hintergrundprogramm ist jedoch bedeutsamer, als du im ersten Moment vielleicht denkst.

Bevor ich im nächsten Blogbeitrag dann mit dir die 6 Stufen der Abwärtsspirale der Empathen durchgehe, möchte ich noch kurz auf den Druck und seine Bedeutung für dich eingehen.

Haben deine Eltern in den Momenten, in denen sie etwas von dir gefordert haben, enormen Druck auf dich ausgeübt, dann verbindest du diesen Druck, unbewusst mit der Möglichkeit zu handeln. Fällt der Druck später in deinem Leben weg, wirst du dir diesen inneren Druck wieder herbeiführen. Entweder du setzt dich selbst unter Druck, du überforderst deine Reitmöglichkeiten oder du „organisierst“ dir unbewusst Druckmöglichkeiten, damit du dich selbst in Handlungen versetzen kannst.

Das Problem ist nur, dass dieser Druck irgendwann dazu führt, dass dein innerer Bedarf an Entlastung immer größer wird. Findest du die Entlastung, spürst du nach kurzer Zeit, dass es dir wieder besser geht. Jetzt, wo es dir wieder besser gehst, kannst du auch wieder Ziele anvisieren. Du beginnst langsam wieder zu starten. Auch wenn du in der Zwischenzeit gelernt hast, achtsamer mit dir und deiner Zeit umzugehen, der nächste Zusammenbruch und das nächste down ist bereits von dir vorprogrammiert. Du wirst durch eine kleine Irritation im Außen oder eine Ablenkung durch die Familie aus deinem Vorhaben herausfallen und ziehst den Druck unbewusst wieder hoch. Dein System macht das nicht, weil du nicht weißt, was Achtsamkeit ist, dein System macht das, weil es die erlernte Möglichkeit ist, es richtig zu machen. Fehlt der Druck, kann sich dein System nicht orientieren und weiß nicht, wie es die Dinge dennoch schaffen soll.

Auch wenn du zum Beispiel prokrastinierst, wird ein großer Teil davon nicht das Verhindern der negativen Gefühle vor und durch das Abarbeiten der Aufgabe sein, sondern die unbewusste Herstellung eines Handlungsdrucks, den dein System glaubt zu brauchen, damit es überhaupt handeln kann.

Und wenn ich von System reden, dann meine ich den Anteil in dir, der es nicht besser weiß, weil es ihm nie gezeigt wurde. Und genau das ist dein toxisches ICH, was richtig gut auf dich aufpasst, damit du auch alles richtig machst. Die Mittel und Wege dazu sind nicht so nett, aber die Intention ist ehrenhaft.

Halten wir also fest: Dein toxisches ICH hat gelernt, wenn es nicht gehört wird, dann entwickelt es Verzweiflung anstatt Lösungsstrategien. Handlungen erfolgen nur, wenn der Druck von außen vorhanden ist. Fehlt dieser, muss dein toxisches ICH diesen ersetzen und das wird es auch solange tun, bis du verstanden hast, wofür du diesen Druck brauchst. Solange du ihn brauchst, wird er da sein.

Das ist keine schöne Ausgangssituation. Denn immer wenn es um deine Ziele und deine Möglichkeiten geht, geht genau diese Spirale los. Ich hoffe, mein Blogbeitrag könnte dir jetzt ein wenig helfen, zu verstehen und damit bewusster damit umzugehen.

Du kannst dich zum Beispiel fragen, ob du den Druck, den du aufbaust, brauchst und wofür du diesen Druck immer wieder brauchst. Er hat eine wichtige Rolle für einen Teil in dir, finde heraus welche und biete diesem Teil eine neue Möglichkeit an.

Wenn ich dir dabei helfen soll, dann melde dich im Kompetenzzentrum an und wir gehen auch dieses Thema gemeinsam durch.